Haus Oertmann (ehem. Bovenkerk)
Auf dem Hof im Dorf an der Weseler Straße wohnte 1642 urkundlich nachweisbar der Vogt und Schöffe Anton Blank. Nachfolger auf dem Hof wurde 1674 sein Sohn Jan Blanken gnt. Bovenkerk, der ebenfalls Schöffe war. Am 28. Dezember 1741 heiratete Nikolaus Bovenkerk die Anna Catharina Hackmann. 1756 übernahm Claes Bovenkerk den Hof.Der ehemalige Oberhof Hamminkelns, an der damaligen Weseler Straße Nr. 38, wurde 1780 von Claes Bovenkerk auf alten Gebäudefundamenten neu errichtet. Der Hof wurde nach der Familie Bovenkerk benannt. Der Name Bovenkerk leitet sich aus der Hoflage an der Kirche ab (boven = Wohnstätte, kerke = Kirche). Der Hofname blieb über viele Generationen identisch mit dem Familienname des Besitzers, deren Familie sich ein Vorkaufsrecht im Hypothekenbuch eintragen ließ.

Vom Kreisausschuss des Kreises Rees in Wesel wurde am 28. Dezember 1898 dem "Wilhelm Bovenkerk junior zu Hamminkeln die Erlaubnis erteilt, in dem Wohnhause Nr. 38 der Gemeinde Hamminkeln in den näher beschriebenen Räumlichkeiten eine Schenkwirtschaft zu betreiben."

Als Wilhelm Bovenkerk starb, heiratete seine Witwe Frieda 1920 den Leutnant Wilhelm Oertmann. So kam das Gebäude mit der Schankwirtschaft in den Besitz der Familie Oertmann. Seitdem heißt es bis heute Haus Oertmann.


2004 wurde das Krüppelwalmdach mit neuen Tonpfannen gedeckt. Im Jahr 2008 verstarb die letzte Bewohnerin Klara Oertmann im Alter von 93 Jahren. Ihr Sohn, Friedrich Wilhelm Oertmann, ist nach Tuttlingen in Baden-Württemberg gezogen.
Im Jahr 2010 wurde das Haus Oertmann vom Amt für Denkmalpflege unter Denkmalschutz gestellt. Auch die vier charakteristischen Linden und der schmiedeeiserne Hofzaun gehören zum geschützten Teil des Denkmals.
Nach langem Leerstand kaufte der Architekt Holger Ebbert 2016 das historische Wohngebäude, renovierte es liebevoll und zog zwei Jahre später mit seinem Architekturbüro in das Erdgeschoss ein. In einer erhöhten Upkamer im rechten Gebäudeteil hat Holger Ebbert sein Büro eingerichtet. Unter der Upkamer befindet sich ein niedriger Kriechkeller aus Feldsteinen. Auf der linken Seite im Erdgeschoss ist ein Arbeitszimmer für die Mitarbeiter eingerichtet.
Viele bauhistorische Elemente wie die charmanten Sprossenfenster mit den Einglasscheiben, die alten Türen, der Blausteinboden im 3,35 m hohen Eingangsbereich mit der Kölner Decke, sowie die Majolika-Fliesen in der ehemaligen Küche sind erhalten geblieben. Auch den alten Küchenofen aus dem 19. Jahrhundert hat der neue Besitzer blank poliert und für die Nachwelt erhalten.

Ein altes Emailleschild der Provinzial-Feuer-Versicherungsanstalt aus den 1930er Jahren mit einem preußischen Hoheitsadler hängt an der Vorderseite des Hauses. Vermutlich hat die Familie Oertmann auch eine Versicherungsagentur betrieben.
Das denkmalgeschützte Haus Oertmann ist eines der letzten originalen Gebäude aus der Zeit des bäuerlichen Lebens im ländlichen Dorf Hamminkeln.
Urkunde aus dem Hypothekenbuch des Amtes Ringenberg vom 24. Februar 1780.
Übersetzung
1. Herrschaftlichen Ringenberger Zehenten [...]a2. von allem Beschwer, Versatz und Bekümmerung [...,]
3. so wie diese weyde von ersteren Biß dahin be-
4. seßen und benutzet worden. Derowegen, und da die
5. Herrschafft auf das derselben Competirende Vernähe-
6. rungs-Recht Vermöge Scheins vom 29ten October 1776
7. Bereits Verzicht gethan hätte, welchen zu des Judicii
8. Legitimation hiermit ad acta übergeben wurde,
9. von Vorbesagter Weyde mit An- und Zubehör, so wie
10. dieselbe cum onere et Commodo von Ihnen Com-
11. parenten biß dahin Beseßen und Benutzet worden,
12. mit Verzicht der Einrede des nicht gezahlt oder
13. nicht empfangenen Kauff-schillings sich und nomine
14. den unmündigen gäntzlich enterbt, und Entrechtiget,
15. Herrn Anckäuffer und deßen Erben daran
16. bestens und Am Beständigsten Beerbt und Be[ve]stiget,b
17. auf wehr- und warschafft wie zu geschehen Erb-
18. rechtens unter Verband ihrer Haab und Güter
19. für so viel dazu nöthig, nebst Getreülicher Extradition
20. der darab Vorhandenen Baarschafften angelobet
21. haben. Uhrkundlich des Judicii unterschrifft
22. und beygesetztem Gerichtlichen Insiegul. So geschehen
23. Wesel in Judicio Hamminckelensi den 24. Februar
24. 1780.c
25. [Unterschrift] Pagenstecher.
26. [Unterschrift] Herbert
27. Secretarius Judi[cii]d
28. Eingetragen eodem dem Ringenbergschen
29. Hypothekquen-Buch sub folio 113 numero 55.
30. [Unterschrift] Herbert
31. Secretarius manu propria

b Falz im Papier, zwei Buchstaben unleserlich.
c Darunter ein unleserliches Siegel.
d Rechter Rand beschädigt.

Lateinische bzw. altdeutsche Begriffe:
ad acta ---> zu den Aktencum onere et Commodo ---> mit allen Vorrechten und Belastungen
Comparenten ---> der Erschienene, die Anwesenden
Competirende ---> zustehende
Insiegul ---> Siegel
Judicii ---> des Gerichtes
Judico ---> dem Gericht
manu propria ---> mit eigener Hand, eigenhändig
nomine ---> Namen, namens, unter dem Namen
Secretarius ---> Sekretär
sub folio ---> Unterblatt
Extradition ---> Auslieferung
Kauffschilling ---> Kaufpreis
Vernäherungsrecht ---> Vorkaufsrecht, Familieneinstandsrecht
Abschrift der Denkmalbeschreibung der Stadt Hamminkeln
Liste der Baudenkmäler Lfd. Nr. 53
Objekt: Wohnhaus,
Blumenkamper Straße 4, 46499 Hamminkeln Beschreibung des Baudenkmals:
Erbaut 1780: Landwirtschaft, Gastwirtschaft und Schnapsbrennerei.
In städtebaulich bedeutsamer Lage im Zentrum von
Hamminkeln dem Straßenverlauf angeglichen − und daher auf rechtwinkligem
Grundriss als "Quasi-T-Haus" in Backstein errichtetes, steinsichtig
belassenes, zweigeschossiges, heute auf Kopfbau und Mittelhaus
reduziertes Wohn-Stallhaus mit tonpfannengedecktem Krüppelwalsdach. Der
am Giebel zwei-, an der Traufseite im Erdgeschoss fünf- im Obergeschoss
vierachsige, im hinteren Teil nach Kriegsbeschädigung erneuerte Kopfbau
wird durch den Eingang in der rechten Achse des im Erdgeschoss vier-, im
Obergeschoss dreiachsigen Mittelhauses erschlossen. Eisenanker in
Deckenhöhe; aufwändiges, verputztes, mehrfach getrepptes Ortgang- und
über die Ecken verkröpftes Traufgesims; im Giebel querrechteckige, mit
Läden verschlossene öffnung zum Dachraum. Zugehörig zum Denkmal sind die (von alters her namensgebenden) vier Linden vor der straßenseitigen Fassade, der alte schmiedeeiserne Hofzaun zur Straße mit dem zweiflügeligen Tor sowie der umgebene Freiraum. Das eingeschossige Backstein-Pultdachgebäude auf der Nordostecke des Grundstücks ist jüngeren Datums und kein Bestandteil des Denkmals. Das Gebäude ist bedeutend für:
Für die Geschichte des Menschen, weil es mit seiner frühen originalen,
zwar reduzierten Substanz dennoch in anschaulicher Weise die Lebens-,
Arbeits- und Wohnformen im ländlichen Bereich dokumentiert. Für die Erhaltung und Nutzung des Gebäudes liegen: Wissenschaftliche Gründe:
Die Hofanlage steht voll in der Tradition des sog. "T-Hauses" und zeigt
die zeittypische Ausformung der regionalen Bauernhausarchitektur des 18.
Jahrhundert. Hamminkeln, 7. April 2010
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Koordinaten Haus Oertmann: N 6° 35′ 24″ − E 51° 43′ 50″
Übersichtsplan vom Ortskern Hamminkeln im Jahr 1956

1956 hieß die heutige Blumenkamper Straße noch Weseler Straße
Letzte Aktualisierung: 12. Januar 2023